Der Orang-Utan (Pongo pygmaeus)
Unzählige Legenden umwuchern den Orang-Utan. Eine besonders hübsche befasst sich mit der Herkunft des «Waldmenschen». Sie berichtet von zwei vogelähnlichen Kreaturen, welche die Schöpfer allen Lebens waren. Die beiden schufen alle möglichen Arten von Tieren. Als sie schließlich den Menschenmann und die Menschenfrau ins Leben gerufen hatten, waren sie auf ihr Werk so stolz, dass sie ein großes Fest veranstalteten. Tags darauf wollten sie noch mehr Wesen von dieser Sorte herstellen. Aber nach den Ausschweifungen der vorangegangenen Nacht vergaßen sie eine wichtige Zutat - und heraus kam der Orang-Utan. Von den Wissen-schaftlern der westlichen Welt wurde der Orang-Utan vor rund 200 Jahren entdeckt. Gesicherte Kenntnisse über sein Leben in freier Wildbahn blieben jedoch bis in die jüngste Zeit hinein Mangelware. Im Verlauf der letzten 20 Jahre wurde allerdings ausgiebige Feldforschung betrieben, weshalb der Orang-Utan heute zu den bekannteren Affenarten zu zählen ist. Das größte baumlebende Tier Der Orang-Utan (Pongo pygmaeus) ist der größte asiatische Affe und
weltweit das grösste baumlebende Tier. Erwachsene Männchen erreichen
eine Standhöhe bis 137 cm und ein Gewicht von 60 bis 90 kg. Die Weibchen
sind deutlich kleiner und wiegen nur etwa halb so viel. Interessanterweise ist der Orang-Utan der einzige unter den
Menschenaffen, der sich überwiegend im Kronenbereich der Bäume aufhält. Seine afrikanischen Vetter, der Gorilla, der Schimpanse und der
Zwergschimpanse, sind hauptsächlich bodenlebende Tiere. Mit seinen langen Armen und den hakenförmigen Greifhänden und -füssen
ist der Orang-Utan glänzend an die Fortbewegung im Geäst angepasst.
Ruhig, fast gemächlich, bewegt er sich als vierfüßiger Schwingkletterer
durch das Kronendach des Regenwalds. |
Sein leistungsfähiges Gehirn dient der Orientierung
Der Orang-Utan ernährt sich überwiegend von Früchten: Etwa 60 Prozent seiner Nahrung bestehen aus diesen nahrhaften, saftigen Pflanzenprodukten. Zu den bevorzugten Waldfrüchten gehören bekannte tropische Sorten wie Mangos, Feigen, Zibetfrüchte, Litschipflaumen und Jackfrüchte, die ja auch dem Menschen sehr gut schmecken.
| Daneben nimmt der Orang-Utan gerne zarte, junge Blätter und
Blattsprossen zu sich. Und er frisst auch regelmäßig Insekten,
mineralhaltige Erde, Baumrinde und Lianen, gelegentlich sogar Eier und
kleine baumlebende Wirbeltiere. Seine Zähne sind recht kräftig und gut
geeignet, zähe, stachelige Fruchtschalen, harte Nüsse und Baumrinde
aufzubrechen und zu zermalmen. Orang-Utans haben ein ebenso großes Gehirn wie Schimpansen und Gorillas, und zahme Individuen erreichen bei Intelligenztests ebenso hohe Punktzahlen wie jene. Diese große Leistungsfähigkeit des Gehirns ist zweifellos auf den präzisen Orientierungssinn und das gute Gedächtnis für den Fruchtzyklus der verschiedenen Regenwaldbäume. Bei der Futtersuche bewegen sich die Orang-Utans langsam durch das Kronendach ihres Wohngebiets. Mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit finden sie dabei die ergiebigsten Fruchtbäume. Ganz offensichtlich kennen sie nicht nur die Standorte der einzelnen Bäume in dem von ihnen bewohnten Waldstück ganz genau, sondern wissen auch überden Reifegrad von deren Früchten Bescheid. Außerdem vermögen sie das Vorhandensein lohnenswerter Fruchtquellen auch aus dem Verhalten anderer Früchtefresser des Regenwalds - Gibbons, Hornvögeln und Tauben beispielsweise - abzuleiten. John MacKinnon, der Ende der sechziger Jahre eine dreijährige Feldstudie über Orang-Utans durchführte, begegnete einmal beim Kontrollieren der früchtetragenden Zibetbäume in seinem Studiengebiet einem jungen Orang- Utan-Mann, der hoch über seinem Kopf in genau dieselbe «Aufgabe» vertieft war wie er und dabei ebenfalls immer den kürzesten Weg von einem Baum zum anderen wählte. Die erstaunliche Intelligenz des Orang-Utans hat den amerikanischen Zoologen Gary Shapiro dazu bewogen, einem jungen, zahmen Orang-Utan-Weibchen namens «Princess», das man auf die Auswilderung vorbereitete, die amerikanische Zeichensprache «Ameslan» beizubringen. In seiner Station verkehrten die auszuwildernden Orang-Utans ungehindert mit ihren wildlebenden Artgenossen, und Shapiro hoffte, Princess könnte ihm später über die Tätigkeiten der freilebenden Orang-Utans berichten. |
Orang-Utan-Kinder haben keine Spielgefährten
Orang-Utans leben im Gegensatz zu ihren afrikanischen Verwandten überwiegend einzelgängerisch. Nur zum Zweck der Fortpflanzung kommen Männchen und Weibchen von Zeit zu Zeit kurz zusammen. Jedes erwachsene Tier besitzt ein festes Wohngebiet, in welchem es jeden Winkel kennt. Dieses kann mehrere Quadratkilometer groß sein und überlappt oder deckt sich sogar mit den Bezirken mehrerer benachbarter Artgenossen. Während ihrer ersten Lebensjahre besitzen die Orang-Utan-Kinder daher kaum Spielgefährten - abgesehen von ihrer Mutter und allenfalls noch einem älteren Geschwister.
| Etwa im Alter von sieben Jahren lösen sich die heranwachsenden Jungtiere von ihrer Mutter und gehen dann ihre eigenen Wege. Solche Halbwüchsigen verbinden sich oftmals mit Gleichaltrigen, um ausgiebig miteinander zu spielen und zeitweilig zusammen umherzuziehen. Nach der Geschlechtsreife, die mit etwa zehn Jahren eintritt, werden sie dann aber zunehmend ungeselliger und entwickeln sich allmählich zu strikten Einzelgängern. Selbst wenn sich mehrere ausgewachsene Orang-Utans auf demselben Nahrungsbaum begegnen, so kümmern sie sich nicht umeinander. Jeder frisst für sich allein und zieht, wenn er gesättigt ist, wieder seines Wegs. Trotz dieses offensichtlichen Desinteresses füreinander kennen freilebende Orang-Utans jedoch alle Artgenossen, deren Wohngebiete sich mit dem Ihrigen überschneiden, persönlich und wissen über deren Aufenthaltsort recht genau Bescheid. Besonders die hochrangigen Männchen sind gegenseitig gut über ihren jeweiligen Aufenthaltsort informiert, denn sie machen sich von Zeit zu Zeit mit dem sogenannten «langen Ruf» bemerkbar. Es handelt sich dabei um ein lautes Gebrüll, das zu einem bellenden Crescendo ansteigt und mit einem sanften Grunzen ausklingt. Die ganze Lautfolge dauert ein bis zwei Minuten. Die Wissenschaftler streiten sich noch um die genaue Funktion dieses Rufs. Vertreibt der Orang-Utan-Mann damit andere Männchen aus seinem Revier? Will er damit empfängnisbereite Weibchen anlocken? Oder will er einfach die anderen Mitglieder der Gemeinschaft über den Aufenthaltsort des «Paschas» informieren? Vermutlich hat der lange Ruf alle drei Funktionen zusammen. | |
Orang-Utans haben in freier Wildbahn eine Lebenserwartung von etwa 35 Jahren. In Menschenhand sind einzelne Tiere aber schon 50 Jahre alt geworden. Die Weibchen sind etwa bis zum 30. Altersjahr fortpflanzungsfähig. Da sie - nach Eintritt der Geschlechtsreife - durchschnittlich nur alle sechs Jahre ein einzelnes Junges zur Welt bringen, vermag jedes Weibchen im Laufe seines Lebens höchstens vier bis fünf Kinder großzuziehen.
Etwa 6000 Orang-Utans sind alljährlich dem Untergang geweiht
Orang-Utans haben nur wenige natürliche Feinde. Junge Tiere scheinen mitunter einem Nebelparder oder einem Python zum Opfer zu fallen, und es gibt Hinweise darauf, dass ältere, gebrechliche und darum hauptsächlich bodenlebende Männchen manchmal von Rothund- oder Wildschweinrudeln angefallen, getötet und gefressen werden. Davon abgesehen haben die «Waldmenschen» in ihrem Reich hoch über dem Urwaldboden kaum etwas zu befürchten...
...wenn der Mensch nicht wäre! Von alters her wird der «Rote Affe» von den Eingeborenen seines Fleischs wegen oder zum Beweis der Männlichkeit bejagt. Vielfach werden Orang-Utan-Mütter erschossen, um an ihre Jungen zu gelangen und diese dann als Heimtiere anzubieten.
Eine mächtige Gefahr für den Orang-Utan stellt aber der Verlust seines natürlichen Lebensraums dar. Sowohl auf Sumatra als auch auf Borneo werden Jahr für Jahr weite Flächen tropischen Regenwalds gerodet, um den Hunger der westlichen Welt nach Edelhölzern und Biosprit zu stillen. In Malaysia und in Indonesien wurden im
Verlauf der letzten 20 Jahre mehrere Wiederausbürgerungs-Stationen
errichtet, um junge Orang-Utans, die illegal als Heimtiere gehalten
worden waren, wieder an das Leben in freier Wildbahn zu gewöhnen. | |
Die oben dargestellte Grafik belegt, dass die Schrumpfung der Population der Orang-Utans mit dem Verlust ihres Lebensraumes einhergehen. Besonders besorgniserregend ist die Veränderung von 1999 bis 2004. In diesem Zeitraum wird der Energiehunger der Welt gestillt.